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Testbericht Grand Cru Elite

im LP Magazin

Die Quintessenz

Manche Gelegenheiten sind so unwahrscheinlich, die kann man einfach nicht auslassen. Das hier ist so eine.

Kontext

Ja, der holländische Tonabnehmerexperte Aalt van den Hul ist noch aktiv. Zwar dürfte er mittlerweile in der Gegend von 85 Jahren alt sein, aber das hindert ihn keineswegs daran, sich nach wie vor Gedanken darüberzumachen, wie man Töne noch besser aus der Plattenrille extrahiert bekommt. Die Kumulation seiner diesbezüglichen Bemühungen ist die „Colibri“ Tonabnehmerbaureihe, die er schon seit vielen Jahren immer weiter entwickelt. Das jüngste Statement zum Thema hört auf das Typenbezeichnungsmonster „Colibri XGW Grand Cru Elite“ und stellt die bisherige Krönung des Tonabnehmerschaffens des umtriebigen Niederländers dar. Kostenpunkt: 12900 Euro. Und Sie haben bestimmt Verständnis dafür, dass ich die Gelegenheit nicht missen wollte, mich mit so einer Preziose zu beschäftigen. Über den Preis zu diskutieren, ist müßig. Wenn das Künstlerhonorar in dieser Gegend liegen muss, dann ist das halt so. Man kann zweifellos auch mit Abtastern ausgezeichnet Musik hören, die um Größenordnungen weniger Geld kosten.

Aufbau

Man sieht dem Grand Cru Elite seine Sonderstellung nicht ohne Weiteres an. Kenner der Materie identifizieren es problemlos als Colibri. Der entscheidende Punkt bei der Baureihe ist die bedingungslose Reduktion auf das Wesentliche. So sind alle Generatorkomponenten so kompakt wie irgend möglich ausgefallen, um Verzerrungen und Rauschen auf ein Minimum zu reduzieren. Dafür hat man einen ungetrübten Blick auf jedes Detail des Abtasters, was zweifellos auch den leicht robusten Charme eines von Grund auf per Hand gebauten Tonabnehmers offenbart. An der Spitze des Bornadelträgers sitzt ein winziger Diamant mit dem berühmten van den Hul 1S-Schliff, immer weiter verfeinert seit 1973. Die zu bewegenden Spulen werden per Hand aus Golddraht gewickelt, und davon nimmt der Meister diesmal ziemlich wenig: Das Grand Cru Elite ist mit recht kurzen Spulen ausgestattet, verfügt deshalb über einen Innenwiderstand von moderaten zehn Ohm. Die Ausgangsspannung beträgt trotzdem unkomplizierte 0,4 Millivolt, irgendwo wird der Meister noch ein paar Schrauben gefunden haben, an denen er in Sachen Effektivität drehen konnte.

Typisch van den Hul: das per Hand beschriftete Holzkästchen als Verpackung

„Gehäuse“ gibt’s bei den Colibris nicht viel, lediglich einen Holzwinkel, der als Träger für den Generator dient. Dessen Material ist immer ein Punkt gewesen, den van den Hul variiert hat. Was genau er beim neuen Topmodell nimmt entzieht sich meiner Kenntnis, es ist jedenfalls eine offenbar sehr harte, fein gemaserte und sehr homogene Holzart. Interessanterweise sind die Befestigungsgewinde direkt ins Material geschnitten, bislang wurden an dieser Stelle Gewindehülsen eingesetzt.

Montage

van den Hul empfiehlt einen Tonarm mit einer effektiven Masse zwischen acht und 14 Gramm, das ist etwas unterhalb dessen, was meine üblichen Zwölfzöller hergeben. Deshalb versuchte ich mit einem SME 309 mein Glück (um zehn Gramm), machte letztlich aber bessere Erfahrungen mit einem Micro Seiki MA-707, bei dem die effektive Masse einstellbar ist – ich dürfte am oberen Ende des empfohlenen Wertes gelandet sein.

Das Thema „Einspielen“ bin ich mit dem van den Hul etwas anders angegangen als sonst, will sagen: Es hat nach einer initialen Funktionsprüfung reichlich Plattenseiten abzuspielen bekommen, bei denen niemand zugehört hat. Ich wollte bei meiner ersten klanglichen Begegnung mit einer so extremen Natur einfach vermeiden, einen nicht aussagekräftigen Eindruck zu bekommen. Das gab mir Gelegenheit darüber nachzudenken, welche Platte denn hier die Verantwortung auferlegt bekommen soll, den ersten Eindruck zu vermitteln.

Klang

Ich habe mich natürlich fürs Tools ÜberAlbum „Fear Innoculum“ entschieden, da weiß ich grundsätzlich ganz schnell, woran ich bin. 100 Ohm Abschluss, die Tonabnehmer Verstärkung übernahm der überaus bewährte MalValve preamp three phono undnach ein paar Sekunden war klar – okay, das ist etwas Besonderes. Es ist dieses intuitiv sehr befriedigende Gefühl von: „das ist eine wirklich gut klingende Anlage“, dass sich unmittelbar einstellt, bevor man sich auf die Suche nach den Ursachen dafür macht. Fakt ist: Das Crand Cru Elite ist pure Magie. Es vermittelt eine atmosphärische Dichte wie kaum ein anderer Tonabnehmer, den ich je erlebt habe. Und ich habe wieder Dinge über Danny Careys unglaubliches Schlagzeugspiel gelernt, die mir vorher nicht klar waren. Da ist soviel Ausdruck, soviel Sachkenntnis, soviel Präzision drin – ich werde nie verstehen, wie er das macht. Nach der spröden Perfektion Abend lang Alben der Spacerocker von Electric Moon angehört. Es ist schwer zu  beschreiben, auf welch selbstverständliche Art und Weise man in die Musik hinein-gezogen wird, wie einfach und intuitiv sich Zugänge zu Gebotenem öffnen. Sie wollen’s greifbarer? Okay: Das van den Hul lebt von einer extremen Detailverliebtheit, die sogar die des hervorragenden Ortofon Per Windfeld Ti noch toppt und vermutlich deshalb so einmalig natürlich klingt. Es liefert einen voluminösen, rollenden Tieftonpart, der perfekt dazu passt, aber nicht mit der gnadenlosen Präzision des DS Audio DS003 mithalten kann. Es freut sich über sehr saubere Platten, weil es wirklich jedes Staubkorn eindrucksvoll ans Licht der Öffentlichkeit zerrt. Dann klappt’s auch mit der überragend ausdrucksstarken Stimmwiedergabe bei Nina Simone, deren Hingabe, ja sogar latenten Zorn ich noch nie so unmissverständlich erlebt habe.
Holger Barske

Analoger Irrsinn?

Definitiv. Aber einer mit Methode, der mit einmaliger Ausdrucksstärke und maximalem Gefühl für die Informationen in der Rille einhergeht.

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